Zwei
Stunden brauche ich in etwa, um eine perfekt verzierte Sahnetorte zu
kreieren – zwei Stunden, in denen ich auch Fensterputzen könnte
oder mein Auto in die Werkstatt fahren oder mich mit der Reparatur
des kaputten Fahrradreifens abquälen. Nur: Kuchenbacken macht mir
Spaß, und ich bin mir sicher, dass die Torte am Ende wunderschön
aussieht und richtig gut schmeckt. All die anderen Dinge bereiten mir
wenig Vergnügen, und ob sie gelingen, ist mehr als fraglich.
Was
liegt also näher, als jene "anderen Dinge" von anderen
Menschen erledigen zu lassen, die wiederum daran Spaß haben – und
stattdessen nicht nur für mich Kuchen zu backen, sondern eben auch
für sie?
Genau
das ist die Idee eines Tauschnetzes: Ich biete das, was ich gut kann
und was mir Spaß macht, bekomme dafür "Moosburger
Tauschpunkte" (sechs pro Stunde) – und kann diese
"Tauschpunkte" wiederum einlösen gegen etwas, das ich
brauche.
Senioren
und junge Familien waren die ersten "Überzeugungstäter"
in Moosburg – inzwischen hat die Idee schon viele andere infiziert:
Ohne Geld kann ein schwunghafter Austausch von Dienstleistungen in
Gang kommen, an dem jede und jeder teilnehmen kann. Alter oder
Ausbildung sind egal, was zählt, ist die eingebrachte Zeit und die
Talente, die jeder Mensch hat! Der (erwünschte) Nebeneffekt sind
soziale Kontakte – in einer gesellschaftlichen Situation, in der
immer mehr Menschen vereinsamen, bietet das Tauschnetz ganz neue
Möglichkeiten, andere kennen zu lernen. Da das Tauschnetz jenseits
des gewohnten Geldsystems funktioniert, können sich auch Menschen
einbringen, die hier sehr eingeschränkt sind (so etwa viele
Arbeitslose oder Alleinerziehende).
Vorbild
sind Tauschnetze und Tauschringe, die seit ca. 15 Jahren in immer
mehr Städten und Gemeinden entstehen. Gemeinsam ist ihnen, dass es
sich dabei um private Initiativen handelt, die ohne materielle
Gewinnabsicht handeln. Gleichgesinnte unterstützen sich gegenseitig,
und je intensiver die Menschen miteinander tauschen, je mehr Menschen
teilnehmen, umso erfolgreicher sind sie. So gibt es etwa allein in
München Tauschnetze in fast jedem Stadtteil: mehr als zwanzig
insgesamt. Die vierteljährlich erscheinende "Zeitung", in
der alle Angebote und Gesuche veröffentlicht werden, ist dort etwa
dreißig kleinbedruckte Seiten stark.